Scheitern gestalten

"Eigentlich hätten wir reden müssen, aber keiner hat den Anfang gefunden."
"Irgendwie hatte ich den Eindruck, sie hat eine Vorstellung von mir, solange ich der entsprach, war es gut, aber wenn nicht, dann…!"
"Lange habe ich versucht meinen Mann zu verändern, bis ich merkte, ich muss mich ändern."
"Beide hatten wir Wechselschicht, manchmal sahen wir uns wochenlang fast nur an der Haustür."
"Als unser Sohn geboren wurde, wurde alles anders, durchwachte Nächte, keine gemeinsamen Aktivitäten, unser Beziehungshaus brach zusammen, wir fanden nicht mehr zueinander."
"Für Beruf und Hobby hatte ich keine Zeit mehr, mit Haus und Kindern saß ich ganz alleine da."
"Ich fühlte mich immer weniger akzeptiert, immer weniger wertgeschätzt, kein gutes Wort, ich dachte ich verdurste."
"Immer wenn es ernst wurde, war er innerlich mehr bei seiner Mutter als bei mir, ich hatte nie eine echte Chance."
"Immer wieder habe ich den Anfang gemacht, die Hand ausgestreckt, jetzt tue ich es nicht mehr und er tut es auch nicht."

"Wir haben geredet und geredet, worüber eigentlich? Entschieden und klar gekriegt haben wir wohl nichts."
"Ich bin endlos traurig, es war am Anfang so viel Hoffnung und jetzt…!"
Beziehungen scheitern, auch Ehen scheitern. Eine einfache Feststellung, leicht zu bestätigen durch einen Blick in das persönliche Umfeld. Für die Beteiligten ein tiefer Einschnitt in ihr "Lebenskonzept", oft schmerzhaft. Alles, was gelingen kann, kann auch scheitern. Scheitern ist schmerzhaft, es konfrontiert mit Grenzen, oft mit den eigenen. Was Menschen in solchen Situationen nicht brauchen, sind andere Menschen, die ihnen die Situation schön reden. Was weh tut, tut weh. Das Scheitern einer partnerschaftlichen Beziehung, einer Ehe gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im menschlichen Leben. Trotzdem liegt im Scheitern auch der Funke eines Neuanfangs. Gewollt oder nicht gewollt, Selbstbild und Lebensalltag müssen neu bestimmt werden. Eine Chance ja, aber mit einem hohen Preis.

Paare strengen sich an, ihre Vision von gelingendem Leben als Paar und als Familie zu realisieren.
Aber:
Zunehmend sind die Paare allein für das Gelingen oder nicht Gelingen ihrer Beziehung verantwortlich. Viele äußere stabilisierende Faktoren sind weggefallen.
Paare stehen vor der Aufgabe, Liebe und Elternschaft zuweilen sogar "gegen" die sie bestimmenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen zu leben. Herkunftsfamilien prägen, nicht selten mit sehr unterschiedlichen, gegensätzlichen Modellen zur Konfliktbearbeitung. Überhöhte gegenseitige Erwartungen, "Du sollst mir alles sein", "Du bist für mein Glück verantwortlich" sind dauerhaft nicht lebbar.
Rasant ändern sich Lebensbedingungen, es ist nicht mehr möglich, sich ein für allemal in einer häuslich - familiären Situation "einzurichten". Diese immer wieder erforderlichen Anpassungsprozesse überfordern oft Einzelne, Paare und Familien. Es geht immer weniger um eine Adaption gesellschaftlich vorgegebener partnerschaftlicher Muster; vielmehr stehen Frauen und Männer vor der Aufgabe, ihre eigene Lebenswelt für sich "neu zu erfinden".
Es gibt nicht einfach eine Reihe von Regeln, nach denen eine Ehe gelingt oder misslingt. Was für die eine Ehe förderlich ist, mag für eine andere belastend wirken.

Jedes Paar ist gefordert, sein eigenes Zusammenleben zu gestalten, auszuprobieren, zu verändern, sich auf die individuellen Situationen einzustellen. Nicht wenige sind damit überfordert. In einem krampfhaften Bemühen, um jeden Preis Glück zu finden, Liebe dauerhaft zu leben, steckt manchmal die Wurzel für deren Scheitern.

Trotz der vielen scheiternden Beziehungen, in den meisten Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach einer gelingenden partnerschaftlichen Beziehung. Eine gesellschaftliche Alternative zur Paarbeziehung hat sich nicht entwickelt, ist auch nicht in Sicht.

Das hohe, wertvolle Ideal gelingender lebenslanger Ehe wie ihr sakramentaler Charakter, macht es im kirchlichen Kontext oft schwer auch die Ehen im Blick zu behalten, die nicht gelingen. Allein die Zahl der sich trennenden Ehepartner sollte ein Wegschauen nicht zulassen. Mehr noch fordert das kirchliche Selbstverständnis: Menschen gerade in dunklen Stunden nicht allein zu lassen, wenn Trennung und Scheitern schmerzen und belasten.
Haben geschiedene und wiederverheiratete Frauen und Männer wirklich in Gemeinde und Kirche einen Platz? Dass Wiederverheiratete nicht an der Tischgemeinschaft der Eucharistie teilnehmen können, ist für viele Betroffene schmerzhaft. Bei aller theologischen Brisanz sollte diese theologische, kirchenrechtliche Thematik, die nach Klärung ruft, nicht die erste, zentrale und vor allem einzige Frage im Blick auf diese Menschen sein.
Gemeinde und Kirche sollten sich fragen, was können wir tun, um Frauen, Männern und Kinder bei der Realisierung ihrer Vision von gelingendem Leben konstruktiv zu unterstützen. Diese Unterstützung sollte anhalten, wenn sie besonders nötig ist, wenn Beziehungen zu scheitern drohen oder gescheitert sind. Akzeptanz und nicht Ausgrenzung; Unterstützung ist gefragt, bei konstruktiver Krisenbewältigung wie tragfähiger Neuorientierung.

Viele Paare suchen ernsthaft nach Wegen aus der Krise, vielen Paaren gelingt es, Krisen zu einem Impuls zu neuem gemeinsamem Wachstum zu nutzen. Ihr altes, bisheriges Bild von Ehe ist gescheitert, von ihm verabschieden sie sich. Scheitern und das sich Eingestehen von Scheitern ist für sie ein Schritt, um gemeinsame Zukunft lebbar zu machen, Scheitern ist so ein Teil lebensnotwendigen Wachsens.

Andere Paare kommen aus der destruktiven Spirale nicht heraus, bis einer oder beide Partner sagen: "So nicht mehr". Es gelingt ihnen nicht, neue, gemeinsame Visionen zu entwickeln. Paare trennen sich, um sich selbst treu zu bleiben, weil ihre Sehnsucht nach Liebe und Glück gemeinsam unerfüllbar scheint. Trennung stellt die Betroffenen vor große Herausforderungen. Das Miteinander klappt nicht, sie verstehen sich nicht mehr, gerade wenn sie miteinander reden. Nun stehen mit der Trennung wichtige Zukunftsentscheidungen auf der Tagesordnung. Entscheidungen, die kreativer Gemeinsamkeit bedürfen, gerade, wenn Kinder mit im Spiel sind. Die Betroffenen sind meist auf sich gestellt.

Juristisch gibt es klar geregelte Abläufe, manchmal hilfreich, manchmal belastend. Psychologisch sind viele auf die Methode: "Versuch und Irrtum" angewiesen.
Viele Rituale, längst nicht nur kirchliche, helfen zu Beginn einer Beziehung, ebenso beim Tod eines lieben Menschen. Am Ende einer Beziehung fehlen solche Rituale den Beteiligten, Paare sind auf ihre Kreativität angewiesen. Auch Scheitern bedarf der aktiven Gestaltung, dies kann helfen, Traumatisierungen zu vermeiden. Wo lernen Menschen mit Scheitern zu leben? Hier ist die kirchliche Gemeinschaft gefordert. Menschen konkrete personale Angebote zu machen, weniger Veranstaltungen, mehr Einstellung und Haltung sind gefordert:
Wie gehen Gemeinde und Kirche mit Scheitern um?
Kommen Trennung und Scheidung im gemeindlichen Alltag vor?
Haben der Schmerz des Scheiterns wie die Bejahung des Lebens, durch den Schmerz hindurch, Raum in der Liturgie?
Werden Frauen und Männern auf ihre veränderte Lebenssituation behutsam und respektvoll angesprochen?
Wird ihre Entscheidung, darüber zu sprechen oder auch nicht zu sprechen, respektiert oder sanktioniert?

Innerhalb der institutionellen Ehe-, Familien- und Lebensberatung sollen Frauen und Männer Raum und Zeit für sich finden. Sie sollen Menschen finden, die sich auf ihre Fragen, ihre Suche einlassen, die Wege mitgehen, vor Dunklem nicht flüchten, nicht urteilen, die eigenen Grenzen kennen, die Perspektiven öffnen, zu eigenen Entscheidungen, zu eigenem Leben ermutigen. Psychologische Qualifikationen und beraterische Kompetenz kennzeichnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kirchlicher Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen. Über diese professionelle Dimension hinaus bleibt die gemeinsame Hoffnung auf die Erfahrung der Gnade, für Ratsuchende wie Beraterinnen und Berater. Gnade, die ihre heilende Kraft in der zwischenmenschlichen Begegnung entfaltet und Mut schenkt zum Leben, auch durch das Scheitern hindurch. Kirchliche Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen möchten Räume der Menschlichkeit öffnen, damit der Menschenfreundlichkeit Gottes Raum geben. Eines Gottes, der mit Scheiternden weint, mit Neuanfangenden hofft.
Konkret kann dies über Einzel- und Paargespräche hinaus z.B. heißen:
Frauen und Männer zu Gruppen einladen, in denen sie, mit fachlicher Unterstützung, ihre Erfahrungen in einem geschützten Raum offen miteinander austauschen können, traurig und wütend sein dürfen, nächste Schritte in den Blick nehmen können.
Zu einem Workshop einladen, unter der Überschrift: "Getrennt, geschieden, … und in der Kirche nicht heimatlos". Damit gezielt Frauen und Männer ansprechen, denen ihre kirchliche Beheimatung wichtig ist, deren durch Trennung, Scheidung und erneute Verheiratung veränderte Lebenssituation es schwer macht, einen sicheren Platz in Gemeinde und Kirche zu behalten oder wieder zu finden.
Zu thematischen Gottesdiensten z.B. unter der Überschrift: "Wenn Wege sich trennen…", einladen, Schmerz und Trauer zum Ausdruck bringen, sie Gott sagen können.
Mediation anbieten, ein gezieltes methodisches Vorgehen zur eigenverantwortlichen Regelung anstehender Fragen, orientiert am Wohl der Partner wie besonders der betroffenen Kinder. Mediation ist ein Zugang zur Konfliktbewältigung, der eine Zukunftsperspektive zu eröffnen sucht, sie fördert das konstruktive Zusammenleben, respektiert die Interessen aller Beteiligten, stabilisiert die sozialen Bindungen und den verantwortlichen Umgang damit.

Antoine de Saint- Exupery : DIE KUNST DER KLEINEN SCHRITTE

Paul Piepenbreier

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